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Verzögern - scam.protokoll

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Was tun?
Erst warten, dann entscheiden
Was die Suchtforschung über Craving lehrt und warum das für Romance Scam interessant sein könnte
„Ich muss das jetzt tun.“
Dieser Satz ist bei Suchterkrankungen von großer Bedeutung. Und er begegnet uns in anderer Form auch immer wieder bei Romance Scam:
 
Ich muss ihm jetzt helfen.
Ich muss das Geld heute schicken.
Ich muss diese Karte sofort kaufen.
Wenn ich jetzt nicht reagiere, passiert etwas Schlimmes.
 
Was wäre, wenn man diesen Impuls nicht bekämpft?
Was wäre, wenn man ihm nur eines entgegensetzt:
 
Zeit
 
Craving: Ein starkes Verlangen ist noch keine Handlung
 
In der Suchtforschung bezeichnet Craving das subjektive starke Verlangen nach einer Substanz oder einem bestimmten Verhalten. Craving und suchtbezogene Reize sind tatsächlich relevant: Eine große Meta-Analyse mit mehr als 50.000 Teilnehmenden fand einen deutlichen Zusammenhang zwischen solchen Reizen beziehungsweise Craving und späterem Substanzkonsum oder Rückfall.
Eine wichtige Erkenntnis der Rückfallprävention lautet dabei:
Ein Drang muss nicht ausgeführt werden.
Er kann beobachtet und ausgehalten werden.
Darauf beruht eine Technik, die als Urge Surfing bezeichnet wird und unter anderem in der achtsamkeitsbasierten Rückfallprävention eingesetzt wird.
Der Drang als Welle
Das Bild ist einfach.
Ein Verlangen verhält sich wie eine Welle.
Es entsteht.
Es wird stärker.
Es erreicht einen Höhepunkt.
Und es nimmt wieder ab.
 
Beim Urge Surfing versucht der Betroffene deshalb nicht, die Welle mit Gewalt aufzuhalten. Er beobachtet Körperempfindungen, Gedanken und Gefühle und wartet, ohne dem Impuls unmittelbar zu folgen. Die US-amerikanische Veterans Health Administration beschreibt genau dieses Vorgehen in ihren Materialien zur Behandlung von Substanzkonsumstörungen.
Damit entsteht etwas Entscheidendes:
Zwischen Impuls und Handlung kommt Zeit.
Nicht „Nein“. Sondern „noch nicht“.
Auch das zeitliche Aufschieben kann Teil der Bewältigung von Suchtdruck sein. Materialien zur Rückfallprävention empfehlen beispielsweise, zunächst nur für die nächsten Minuten oder die nächste Stunde nicht zu konsumieren und danach erneut zu entscheiden.
Psychologisch ist das interessant.
Ein endgültiges Verbot verlangt:
„Ich darf das nicht.“
Ein Aufschub verlangt zunächst nur:
„Ich tue es jetzt noch nicht.“
Die Entscheidung wird nicht für alle Zukunft getroffen. Nur die unmittelbare Verbindung zwischen Drang und Handlung wird unterbrochen.
Und genau hier wird das Prinzip für Romance Scam interessant.

 
Was hat das mit Romance Scam zu tun?
Scammer arbeiten auffällig häufig mit Dringlichkeit.
Das Geld wird jetzt gebraucht.
Die Rechnung muss heute bezahlt werden.
Die Giftcard muss sofort gekauft werden.
Der angebliche Manager wartet.
Das Paket hängt beim Zoll.
Der Prominente steckt in Schwierigkeiten.
Die gemeinsame Zukunft hängt angeblich davon ab, dass jetzt gehandelt wird.
Die emotionale Erregung und der Zeitdruck sind dabei keine nebensächlichen Begleiterscheinungen. Sie erschweren Distanz und erneute Prüfung.
Angehörige reagieren verständlicherweise häufig mit dem Gegenteil:
„Mach das auf keinen Fall!“
Damit treffen zwei Kräfte unmittelbar aufeinander.
Der Scammer sagt: Jetzt.
Der Angehörige sagt: Nie.
Und der Betroffene befindet sich dazwischen.
Was wäre, wenn die Antwort anders lautete?
Zum Beispiel:
„Es ist deine Entscheidung. Aber bezahle es nicht heute. Warte bis morgen. Wenn du es morgen immer noch tun möchtest, entscheidest du morgen noch einmal.“
Plötzlich geht es nicht mehr darum, dem Betroffenen seine Entscheidung abzunehmen.
Es geht darum, die Entscheidung von der akuten emotionalen Situation zu trennen.
Aus Impuls → Zahlung
wird Impuls → Warten → erneute Entscheidung.
Und das könnte für Angehörige besonders interessant sein, weil es weniger Widerstand hervorrufen dürfte als ein unmittelbares Verbot.

 
Eine mögliche Verbindung zur Cooling-off-Phase
Genau hier berühren sich für mich psychologische Intervention und Verbraucherschutz.
Eine Cooling-off-Phase bei einer hochriskanten Zahlung würde nach einem ähnlichen Grundprinzip funktionieren:
Nicht unbedingt:
„Sie dürfen dieses Geld nicht überweisen.“
Sondern zunächst:
„Diese Transaktion wird nicht unter maximalem Zeitdruck sofort ausgeführt.“
Zeit schafft keine Garantie für eine vernünftige Entscheidung.
Aber Zeit schafft eine zweite Entscheidungsmöglichkeit.
Und genau die versucht der Betrüger mit seiner künstlichen Dringlichkeit häufig zu verhindern.
Ist Romance Scam also eine Suchterkrankung?
Das können wir daraus ausdrücklich nicht ableiten.
Urge Surfing ist eine Technik aus der Behandlung von Suchterkrankungen. Dass einzelne Verhaltensweisen bei Romance Scam Ähnlichkeiten mit suchtbezogenen Prozessen zeigen können, beweist weder eine Suchterkrankung noch, dass eine aus der Suchtbehandlung übernommene Intervention bei Romance Scam wirksam ist.
Dafür bräuchten wir Forschung.
Aber genau daraus ergibt sich eine interessante wissenschaftliche Frage:
Kann eine systematische Verzögerung zwischen Zahlungsimpuls und Zahlung bei Romance Scam weitere Geldtransfers reduzieren?
Und eine zweite:
Kann eine solche Verzögerung funktionieren, ohne dem Betroffenen seine Selbstbestimmung zu nehmen?
Das ließe sich untersuchen.
Was Angehörige daraus mitnehmen können
Vielleicht muss die erste Intervention nicht immer darin bestehen, einen Menschen davon zu überzeugen, dass alles Betrug ist.
Manchmal könnte ein kleineres Ziel erreichbar sein:
Nicht jetzt.
Nicht heute überweisen.
Nicht sofort die Giftcard kaufen.
Nicht in der emotionalen Erregung entscheiden.
Eine Nacht schlafen.
Morgen noch einmal darüber sprechen.
Denn möglicherweise muss man nicht sofort die gesamte Überzeugung eines Menschen verändern.
Manchmal reicht es zunächst, den Betrüger um das zu bringen, was er am dringendsten braucht: die sofortige Reaktion seines Opfers.
Wissenschaftliche Einordnung
Urge Surfing ist Bestandteil etablierter Ansätze zur Bewältigung von Craving und Rückfallrisiken bei Substanzkonsumstörungen. Dabei wird der Drang wahrgenommen und ausgehalten, ohne unmittelbar darauf zu reagieren.
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