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Wahnhafte Störung - scam.protokoll

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Psychologie
Wahnhafte Störung: Wenn eine Überzeugung nicht mehr durch die Realität korrigiert werden kann
 
Nicht jeder Mensch, der an einen Romance Scam glaubt, leidet unter einer wahnhaften Störung. Diese Unterscheidung ist von zentraler Bedeutung. Professionelle Täuschung, emotionale Bindung, Einsamkeit, parasoziale Vertrautheit, Limerenz, kognitive Dissonanz und gezielte psychologische Manipulation können auch psychisch gesunde Menschen dazu bringen, einem falschen Profil zu vertrauen. Eine wahnhafte Störung liegt dagegen nicht allein deshalb vor, weil eine Annahme objektiv falsch ist. Entscheidend ist die besondere Art, in der eine Überzeugung gebildet, aufrechterhalten und gegen widersprechende Realität abgeschirmt wird.
 
Was ist ein Wahn?
 
Ein Wahn ist eine Überzeugung, die mit außergewöhnlicher Gewissheit erlebt wird und sich trotz deutlicher Gegenbeweise kaum oder gar nicht korrigieren lässt. Sie ist nicht einfach eine Vermutung, eine Fehleinschätzung oder ein Irrtum aufgrund unvollständiger Informationen. Auch eine starke Hoffnung, Verliebtheit oder Leichtgläubigkeit ist noch kein Wahn. Ein Mensch mit einer gewöhnlichen Fehlannahme kann seine Einschätzung grundsätzlich verändern, wenn ausreichend glaubwürdige neue Informationen hinzukommen. Bei einer wahnhaften Überzeugung werden Gegenbeweise dagegen häufig abgewehrt, umgedeutet oder in die bestehende Erklärung eingebaut. Die Überzeugung besitzt für den Betroffenen eine subjektive Evidenz, die von außen kaum nachvollziehbar ist. In der Psychiatrie wird dabei auch berücksichtigt, ob eine Vorstellung innerhalb des kulturellen, religiösen und sozialen Umfelds einer Person geteilt wird. Ungewöhnliche Überzeugungen sind nicht automatisch krankhaft. Entscheidend sind Festigkeit, fehlende Korrigierbarkeit, Realitätsbezug und klinischer Zusammenhang. (NCBI)
 
Der Begriff „unkorrigierbar“ bedeutet nicht, dass ein Wahn unter allen Umständen absolut unveränderlich sein muss. Wahnhafte Gewissheit kann schwanken. Manche Menschen äußern zeitweise Zweifel, kehren jedoch immer wieder zur ursprünglichen Überzeugung zurück. Andere können einzelne Unstimmigkeiten anerkennen, ohne die zentrale Annahme aufzugeben. Deshalb lässt sich eine wahnhafte Störung nicht mit einer einzelnen Prüfungsfrage feststellen. Die Diagnose erfordert eine umfassende psychiatrische Untersuchung, die Verlauf, Funktionsniveau, Stimmung, Wahrnehmung, körperliche Erkrankungen, Medikamente, Substanzen und mögliche neurologische Ursachen einbezieht.
 
Was ist eine wahnhafte Störung?
 
Bei einer wahnhaften Störung stehen eine oder mehrere anhaltende wahnhafte Überzeugungen im Vordergrund. Im Unterschied zu einer Schizophrenie können Denken, Sprache, Alltagsverhalten und soziale Funktionsfähigkeit außerhalb des Wahnthemas über längere Zeit relativ geordnet wirken. Ein Mensch kann seine Wohnung führen, Termine einhalten, Gespräche führen, Rechnungen verstehen und in vielen Lebensbereichen vernünftig entscheiden. Sobald jedoch das Wahnthema berührt wird, gelten andere Schlussregeln. Genau das macht die Störung für Angehörige häufig so schwer erkennbar. Sie erleben keinen Menschen, der insgesamt offensichtlich den Bezug zur Wirklichkeit verloren hat. Sie erleben einen Menschen, der in fast allem nachvollziehbar wirkt und nur in einem bestimmten Bereich mit absoluter Gewissheit an etwas festhält, das sich von außen eindeutig widerlegen lässt. (Harvard Health)
 
Eine wahnhafte Störung darf erst angenommen werden, wenn andere mögliche Erklärungen geprüft wurden. Wahnhafte Symptome können unter anderem im Rahmen einer Schizophrenie, einer schweren Depression, einer manischen Episode, einer Demenz, eines Delirs, neurologischer Erkrankungen, bestimmter körperlicher Erkrankungen, Medikamentennebenwirkungen oder des Konsums psychoaktiver Substanzen auftreten. Besonders bei erstmaligem Auftreten im höheren Lebensalter ist eine gründliche medizinische und neurologische Abklärung wichtig. Die Diagnose darf deshalb niemals allein aus einem auffälligen Chatverlauf, einer ungewöhnlichen Liebesgeschichte oder dem Bericht von Angehörigen abgeleitet werden.
 
Erotomaner Wahn: Die Überzeugung, von einem anderen Menschen geliebt zu werden
 
Für Celebrity Romance Scam ist vor allem der erotomane Typ einer wahnhaften Störung relevant. Er wird auch als Erotomanie oder De-Clérambault-Syndrom bezeichnet. Im Zentrum steht die feste Überzeugung, eine andere Person sei in den Betroffenen verliebt. Häufig handelt es sich um jemanden, der als sozial höhergestellt, prominent, besonders erfolgreich oder schwer erreichbar wahrgenommen wird. Zwischen beiden Personen kann nur wenig oder überhaupt kein realer Kontakt bestehen. Trotzdem wird angenommen, dass die andere Person ihre Liebe heimlich ausdrückt. (PubMed Central (PMC))
 
Die vermeintlich geliebte Person gilt oft als diejenige, von der die Beziehung ausgeht. Der Betroffene erlebt sich nicht unbedingt als Fan, der sich in einen Star verliebt hat. Er kann überzeugt sein, dass der Star zuerst auf ihn aufmerksam wurde, ihn ausgewählt hat und heimlich versucht, Kontakt aufzunehmen. Öffentliche Auftritte, Liedtexte, Kleidung, Gesten, Blicke in eine Kamera, Interviews oder Beiträge in sozialen Medien können als verschlüsselte persönliche Botschaften gedeutet werden. Ein allgemeiner Satz an Tausende Fans wird dann als exklusiver Hinweis verstanden. Ein Blick in die Kamera wird zum Blick auf eine bestimmte Person. Ein Lied wird zur privaten Liebeserklärung.
 
Warum Gegenbeweise den Wahn sogar verstärken können
 
Von außen erscheint es naheliegend, eine falsche Überzeugung mit Fakten zu widerlegen. Bei einer wahnhaften Struktur kann genau dieser Versuch jedoch scheitern. Das liegt nicht daran, dass der betroffene Mensch absichtlich unvernünftig wäre. Die Gegeninformation wird innerhalb eines bereits geschlossenen Deutungssystems verarbeitet. Ein öffentliches Dementi des Stars kann beispielsweise nicht als Widerlegung, sondern als notwendiger Schutz der geheimen Beziehung verstanden werden. Dass ein Management den Kontakt bestreitet, gilt dann als Beweis dafür, dass das Management die Beziehung kontrolliert. Dass Angehörige widersprechen, wird als Eifersucht, Manipulation oder Zusammenarbeit mit Gegnern interpretiert. Dass ein Treffen wieder nicht stattfindet, bestätigt angeblich, wie mächtig die Personen sind, die es verhindern.
 
Damit entsteht eine selbstabdichtende Überzeugungsstruktur: Bestätigende Informationen sprechen für die Beziehung, widersprechende Informationen zeigen angeblich nur, wie gut sie verborgen werden muss. Die Überzeugung wird dadurch immer schwerer von außen erreichbar. Das Wahnsystem liefert für beinahe jedes mögliche Ereignis bereits eine Erklärung.
 
Wahn ist nicht dasselbe wie Limerenz
 
Limerenz beschreibt eine intensive romantische Fixierung, bei der Gedanken, Gefühle und Erwartungen stark um einen Menschen kreisen. Die betroffene Person sucht nach Erwiderung, analysiert Nachrichten und leidet unter Unsicherheit. Sie kann idealisieren und Warnzeichen verdrängen. Grundsätzlich bleibt jedoch die Möglichkeit erhalten, die eigene Einschätzung infrage zu stellen. Die zentrale Frage lautet: „Liebt dieser Mensch mich wirklich?“
 
Beim erotomanen Wahn steht diese Frage häufig nicht mehr offen. Die Liebe des anderen wird als Tatsache erlebt. Zweifel betreffen eher die Umstände: Warum kann er seine Liebe nicht öffentlich zeigen? Wer verhindert das Treffen? Weshalb muss die Kommunikation geheim bleiben? Die Grundüberzeugung selbst wird nicht geprüft, sondern vorausgesetzt.
 
Limerenz und Wahn können sich äußerlich ähneln. Beide können mit intensiver Beschäftigung, Hoffnung, Idealisierung und der Deutung kleiner Zeichen verbunden sein. Psychologisch unterscheiden sie sich jedoch in der Qualität der Überzeugung. Limerenz lebt von Unsicherheit. Der Wahn erzeugt Gewissheit.
 
Wahn ist auch nicht dasselbe wie Täuschung
 
Ein Mensch kann einem Betrüger glauben, weil dieser überzeugende Fotos, Sprachnachrichten, Dokumente, Videoaufnahmen und persönliche Informationen verwendet. In diesem Fall beruht die falsche Annahme zunächst auf manipulierten äußeren Belegen. Das Opfer wird aktiv getäuscht. Es ist daher fachlich falsch, jeden hartnäckigen Glauben an einen Romance Scam vorschnell als Wahn zu bezeichnen.
 
Eine wichtige diagnostische Frage lautet nicht nur: „Ist die Überzeugung falsch?“, sondern auch: „Wie ist sie entstanden, wie wird sie begründet und wie reagiert die Person auf überprüfbare Widersprüche?“ Bei einem manipulationsbedingten Irrtum kann die Realität schrittweise wieder zugänglich werden, wenn die Täuschungsbelege entkräftet, der Kontakt beendet und emotionale Abhängigkeiten verstanden werden. Bei einer wahnhaften Störung werden neue Informationen häufig so verarbeitet, dass die Grundüberzeugung erhalten bleibt.
 
Zwischen beiden Zuständen gibt es keine einfache Grenze, die Angehörige selbst sicher bestimmen könnten. Ein professioneller Scam kann einen psychisch gesunden Menschen massiv binden. Gleichzeitig kann ein Betrüger auf eine bereits vorhandene wahnhafte Überzeugung treffen, sie verstärken oder ihr erstmals scheinbar reale Bestätigung geben. Außerdem ist denkbar, dass sich bei einer vulnerablen Person unter dem Einfluss des Betrugs eine zunehmend wahnhafte Verarbeitung entwickelt. Ein 2024 veröffentlichter Fallbericht beschreibt eine erotomane Symptomatik im Zusammenhang mit Online-Romance-Fraud. Ein einzelner Fall beweist keinen allgemeinen Ursache-Wirkungs-Zusammenhang, zeigt aber, dass Betrug und wahnhafte Verarbeitung ineinandergreifen können. (PubMed Central (PMC))
 
Warum Celebrity Romance Scam ein Wahnsystem besonders wirksam nähren kann
 
Ein Celebrity Romance Scam liefert genau das Material, das eine erotomane Überzeugung stabilisieren kann: persönliche Nachrichten im Namen des Stars, manipulierte Bilder, nachgeahmte Stimmen, angebliche Geheimcodes, vertrauliche Erklärungen und immer neue Gründe dafür, warum die Beziehung nicht öffentlich werden darf. Der Betrüger verwandelt eine innere Überzeugung in eine scheinbar äußere Bestätigung.
 
Soziale Medien verschärfen die Situation zusätzlich. Prominente veröffentlichen täglich Bilder, Videos und persönliche Aussagen. Diese Inhalte sind allgemein zugänglich und richten sich an ein großes Publikum. Innerhalb eines Wahnsystems können sie jedoch individualisiert werden. Ein Post erscheint genau zum erwarteten Zeitpunkt. Eine Farbe entspricht einer zuvor besprochenen Botschaft. Ein Satz passt zu einem privaten Konflikt. Die enorme Menge medialer Inhalte liefert praktisch unbegrenzt Material, aus dem scheinbar bedeutungsvolle Übereinstimmungen ausgewählt werden können. Fallberichte zeigen, dass soziale Medien erotomane Wahnsysteme auslösen oder verstärken können. (PubMed Central (PMC))
 
Der Scammer kann diese Deutungen aktiv bestätigen: „Das Lied war für dich.“ „Bei dem Konzert habe ich an dich gedacht.“ „Ich durfte deinen Namen nicht nennen.“ Damit wird nicht nur getäuscht. Die persönliche Bedeutungszuschreibung wird systematisch verstärkt.
 
Apophänie und referenzielles Denken
 
Bei wahnhafter Verarbeitung können neutrale oder zufällige Ereignisse eine besondere persönliche Bedeutung erhalten. Als Apophänie bezeichnet man die Tendenz, in nicht zusammenhängenden Ereignissen bedeutsame Muster oder Verbindungen zu erkennen. Referenzielles Denken bedeutet, dass öffentliche oder neutrale Vorgänge auf die eigene Person bezogen werden: Eine Fernsehsendung, ein Lied, ein Blick oder ein Social-Media-Beitrag scheint speziell für einen selbst bestimmt zu sein.
 
Nicht jede Mustererkennung ist krankhaft. Menschen suchen grundsätzlich nach Zusammenhängen. Auch frisch Verliebte interpretieren Zufälle manchmal romantisch. Klinisch relevant wird es, wenn solche Deutungen eine ungewöhnliche Gewissheit erhalten, sich gegen alternative Erklärungen abschotten und das Denken oder Handeln zunehmend bestimmen. Im erotomanen Wahn werden öffentliche Signale nicht mehr nur als möglicherweise bedeutsam erlebt. Sie gelten als Belege einer realen, geheimen Kommunikation.
 
Die Rolle von Scham, Einsamkeit und Selbstwert
 
Eine wahnhafte Störung darf nicht auf Einsamkeit oder mangelnden Selbstwert reduziert werden. Sie ist keine bloße Fantasie, mit der ein Mensch bewusst ein unangenehmes Leben verschönert. Trotzdem können emotionale Bedürfnisse den Inhalt und die Stabilität eines Wahns mitprägen. Die Vorstellung, von einer außergewöhnlichen Person ausgewählt und geliebt zu werden, kann Bedeutung, Zugehörigkeit, Hoffnung und Identität vermitteln. Sie kann ein Gefühl innerer Leere überdecken und eine umfassende Erklärung für das eigene Leben liefern.
 
Diese psychische Funktion erklärt teilweise, weshalb eine direkte Konfrontation so bedrohlich wirken kann. Angehörige greifen aus ihrer Sicht eine falsche Behauptung an. Der betroffene Mensch erlebt möglicherweise, dass ihm Liebe, Zukunft, Bedeutung und die einzige Person genommen werden sollen, die ihn wirklich versteht. Je mehr soziale Beziehungen durch Konflikte verloren gehen, desto wichtiger kann die wahnhafte Beziehung werden. Isolation verstärkt dann genau das System, das Angehörige durch Druck zu durchbrechen versuchen.
 
Warum Betroffene nicht einfach „zur Vernunft kommen“ können
 
Wahn ist keine willentliche Entscheidung. Die Person täuscht ihre Umgebung nicht und hält nicht aus Trotz an einer offensichtlich falschen Geschichte fest. Die Überzeugung wird als Realität erlebt. Deshalb helfen Beschämung, Spott, aggressive Beweisführung und Ultimaten selten. Sie können Misstrauen, Rückzug und die Einbindung der Angehörigen in das Wahnsystem verstärken.
 
Auch der Satz „Du weißt doch selbst, dass das nicht stimmt“ verkennt die psychopathologische Situation. Der betroffene Mensch weiß es aus seiner Perspektive gerade nicht. Er erlebt Hinweise, Gefühle und Schlussfolgerungen als überzeugend. Das bedeutet nicht, dass Angehörige die wahnhafte Überzeugung bestätigen sollen. Zwischen Bestätigung und Konfrontation gibt es einen dritten Weg: die emotionale Erfahrung anerkennen, ohne die behauptete Realität zu bekräftigen.
 
Wie Angehörige sprechen können
 
Hilfreich ist eine Sprache, die Beziehung erhält und gleichzeitig keine falschen Tatsachen bestätigt. Statt zu sagen: „Ja, dieser Star liebt dich“, kann man sagen: „Ich sehe, wie wichtig dir diese Beziehung ist.“ Statt: „Das ist völliger Unsinn“, kann man sagen: „Ich nehme wahr, dass du davon sehr überzeugt bist. Ich selbst kann die Belege anders einordnen.“ Statt stundenlang einzelne Details zu widerlegen, kann man nach Auswirkungen fragen: „Wie geht es dir, wenn er sich nicht meldet?“ „Was hat sich seit Beginn des Kontakts in deinem Alltag verändert?“ „Fühlst du dich sicher?“ „Was geschieht mit deinem Geld?“ „Was würde dir unabhängig von dieser Person guttun?“
 
Diese Haltung wird manchmal als empathisches Nicht-Bestätigen beschrieben. Die Gefühle werden anerkannt, die wahnhafte Behauptung jedoch nicht bestätigt. Ziel ist zunächst nicht, eine Diskussion zu gewinnen. Ziel ist, Vertrauen, Sicherheit und Gesprächsfähigkeit zu erhalten.
 
Keine gemeinsamen Ermittlungen innerhalb des Wahnsystems
 
Angehörige können aus Hilfsbereitschaft in die Rolle von Ermittlern geraten. Sie prüfen Konzertaufnahmen, vergleichen Blicke, suchen geheime Zeichen oder diskutieren, welches Profil das echte sein könnte. Selbst wenn dies mit dem Ziel geschieht, den Betrug zu widerlegen, kann die intensive Beschäftigung unbeabsichtigt bestätigen, dass die Grundannahme ernsthaft geprüft werden müsse.
 
Bei Verdacht auf eine wahnhafte Störung sollte die zentrale Frage nicht lauten: „Welches David-Garrett-Profil ist echt?“ Sondern: „Gibt es eine unabhängig überprüfbare persönliche Beziehung, und wie können wir die betroffene Person vor finanziellen, sozialen und gesundheitlichen Schäden schützen?“ Kein vermeintlicher Geheimcode, keine Sprachnachricht und kein Foto ersetzt eine verifizierbare Identität und einen realen persönlichen Kontakt.
 
Behandlung und professionelle Unterstützung
 
Eine wahnhafte Störung gehört in fachärztliche Behandlung. Je nach Ursache, Verlauf und Begleiterkrankungen können antipsychotische Medikamente, psychotherapeutische Verfahren, psychosoziale Unterstützung und die Behandlung körperlicher oder neurologischer Faktoren eingesetzt werden. Die therapeutische Beziehung ist dabei besonders wichtig, weil Betroffene häufig keine Krankheitseinsicht haben und Hilfe als Angriff auf ihre Realität erleben können. Behandlung beginnt deshalb oft nicht mit der direkten Forderung, den Wahn aufzugeben, sondern mit Themen, bei denen die Person selbst Leidensdruck wahrnimmt: Schlaflosigkeit, Angst, innere Unruhe, Konflikte, Einsamkeit oder finanzielle Belastung.
 
Psychotherapie kann helfen, Stress zu reduzieren, alternative Erklärungen vorsichtig zu prüfen, Sicherheit zu erhöhen und den Umgang mit belastenden Gedanken zu verändern. Medikamente können bei manchen Menschen die Intensität und Gewissheit wahnhafter Überzeugungen verringern. Die Wirksamkeit ist individuell unterschiedlich. Eine Behandlung darf nicht auf eine pauschale Methode reduziert werden und muss fachärztlich begleitet werden.
 
Was bei älteren Menschen zusätzlich geprüft werden muss
 
Tritt eine wahnhafte Überzeugung erstmals im höheren Alter auf, müssen mögliche körperliche, neurologische und medikamentöse Ursachen besonders sorgfältig abgeklärt werden. Veränderungen können unter anderem mit neurokognitiven Erkrankungen, Durchblutungsstörungen, Epilepsie, Stoffwechselstörungen, Infektionen, Hör- oder Sehbeeinträchtigungen, Schlafmangel oder Wechselwirkungen von Medikamenten zusammenhängen. Erotomane Symptome wurden auch im Zusammenhang mit Demenzerkrankungen beschrieben. Das bedeutet nicht, dass jede ältere betroffene Person dement ist. Es bedeutet, dass eine ausschließlich psychologische Erklärung zu kurz greifen kann. (PubMed)
 
Eine fachgerechte Abklärung sollte deshalb psychiatrische, hausärztliche und gegebenenfalls neurologische Perspektiven verbinden. Angehörige können dazu beitragen, indem sie konkrete Beobachtungen dokumentieren: Beginn und Verlauf der Überzeugung, Schlafveränderungen, Stimmungsschwankungen, Medikamentenwechsel, finanzielle Entscheidungen, Rückzug, Aggressivität, Gedächtnisprobleme und Veränderungen im Alltag.
 
Schutz vor finanzieller Ausbeutung
 
Bei einem Romance Scam kann eine wahnhafte Störung zu einer besonders hohen Gefährdung führen. Geldforderungen werden dann nicht nur als manipulative Bitten verstanden, sondern als Prüfungen der Beziehung, Rettungsaktionen oder notwendige Schritte zur gemeinsamen Zukunft. Selbst massive Verluste können die Überzeugung verstärken: Je größer das Opfer, desto bedeutsamer muss die Beziehung erscheinen.
 
In solchen Situationen reicht psychologische Aufklärung allein möglicherweise nicht aus. Zusätzlich können Maßnahmen zum finanziellen und rechtlichen Schutz notwendig werden. Dazu gehören die Kontaktaufnahme mit der Bank, die Sicherung von Konten und Zugängen, die Dokumentation von Zahlungen, eine Strafanzeige und gegebenenfalls die Prüfung betreuungsrechtlicher Schutzmaßnahmen. Welche Schritte zulässig und angemessen sind, muss im Einzelfall mit Fachstellen, Ärzten, Beratungsstellen und gegebenenfalls dem Betreuungsgericht geklärt werden.
 
Wann akute Hilfe erforderlich ist
 
Dringende professionelle Hilfe ist notwendig, wenn die betroffene Person sich selbst oder andere gefährdet, Suizidgedanken äußert, eine andere Person verfolgt oder bedroht, stark verwirrt wirkt, kaum noch schläft, Nahrung oder Medikamente verweigert, ihr gesamtes Vermögen gefährdet oder aufgrund der Überzeugung riskante Reisen und Begegnungen plant. Auch plötzliche starke Veränderungen des Denkens oder Verhaltens können auf einen medizinischen Notfall hinweisen.
 
In einer akuten Gefahrensituation sollte der Notruf verständigt oder eine psychiatrische Notfallambulanz aufgesucht werden. Angehörige müssen eine mögliche Gefährdung nicht allein einschätzen oder bewältigen.
 
Was eine Diagnose nicht bedeutet
 
Eine wahnhafte Störung bedeutet nicht, dass ein Mensch insgesamt unvernünftig, unintelligent oder nicht mehr ernst zu nehmen ist. Sie bedeutet auch nicht automatisch, dass er dauerhaft entscheidungsunfähig ist. Entscheidungsfähigkeit muss immer bezogen auf eine konkrete Entscheidung geprüft werden. Jemand kann viele Alltagsentscheidungen selbstständig treffen und gleichzeitig im Zusammenhang mit dem Wahnthema erhebliche Einschränkungen aufweisen.
 
Die Diagnose darf außerdem nicht als Waffe in einem Familienkonflikt verwendet werden. Nicht jede unvernünftige Entscheidung, jede ungewöhnliche Beziehung und jeder Widerstand gegen Angehörige ist Ausdruck einer psychischen Erkrankung. Eine seriöse Diagnose erfordert fachärztliche Untersuchung und darf nicht aus der Ferne gestellt werden.
 
Der entscheidende Unterschied für Romance Scam
 
Bei einem gewöhnlichen Romance Scam glaubt ein Mensch einer professionell aufgebauten Täuschung. Bei einer erotomanen wahnhaften Störung wird die Überzeugung, geliebt zu werden, zu einer kaum korrigierbaren inneren Gewissheit. Treffen beide Prozesse aufeinander, entsteht eine besonders gefährliche Verbindung: Der Wahn liefert die Bereitschaft, persönliche Zeichen zu erkennen, und der Betrüger liefert genau die Zeichen, die diese Überzeugung scheinbar bestätigen.
 
Deshalb kann ein Celebrity Romance Scam bei manchen Menschen weit mehr sein als ein finanzieller Betrug. Er kann ein bestehendes Wahnsystem mit neuem Material versorgen, eine psychische Krise verstärken und jede Hilfe als Angriff auf die angebliche Beziehung erscheinen lassen.
 
Der entscheidende Perspektivwechsel lautet:
 
Nicht jeder Mensch, der einem Romance Scammer glaubt, ist wahnhaft. Aber wenn eine Überzeugung durch keine Realität mehr erreichbar ist, reicht Aufklärung allein möglicherweise nicht mehr aus. Dann braucht es gleichzeitig Beziehung, psychiatrische Kompetenz und konkreten Schutz vor weiterer Ausbeutung.

 
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